Vera Aleksandrovna Pirozhkova >> Biografien und Memoiren

Vera Pirozhkova und ihr Buch "Meine drei Leben. Autobiografische Skizzen"

Vera Aleksandrovna Pirozhkova, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität München, wurde 1921 in Pskov geboren. Nach dem Abschluss der zehnten Klasse schrieb sie sich 1938 an der Mathematisch-Mechanischen Fakultät der Universität Leningrad ein. Sie flüchtete aus dem besetzten Pskov in den Westen und schrieb sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an der philosophischen Fakultät der Universität München ein. Ihre Dissertation über Herzen verfasste sie unter der Betreuung F. Stepuns.

Sie lehrte an der Marburger Universität, arbeitete an der Herausgabe einer philosophischen Enzyklopädie in Freiburg. 1970 verteidigte sie erfolgreich ihre Habilitationsschrift (vergleichbar mit der Doktorarbeit in Russland) im Fach Geschichtsphilosophie unter dem Titel „Freiheit und Notwendigkeit in der Geschichte“. Sie spezialisierte sich auf Politikwissenschaften und hielt bis zu ihrer Pensionierung 1986 Vorlesungen an der Universität München.

Von 1976 bis 1998 gab sie die Zeitschrift „Golos zarubezhya“ heraus, deren letzten Ausgaben in Petersburg publiziert wurden.

Im Herbst 1993 gab sie eine kurze Vorlesungsreihe an der Universität Moskau und hielt Vorträge an anderen Hochschulen Moskaus. Von 1994 bis 1995 hielt sie zudem eine kurze Vorlesungsreihe an der Staatlichen Universität Sankt-Petersburg.

Seit 1995 lebte sie in Petersburg, ohne gänzlich mit München und ihrer alma mater, der Universität München zu brechen.

V. A. Pirozhkova besitzt in der Tat drei Leben. Das erste begann direkt nach der Revolution und endete mit dem Zweiten Weltrieg. Das zweite kennzeichnen 50 Lebensjahre in Westdeutschland, innerhalb derer sie die Universität München abschloss, Professorin für Politikwissenschaften und Herausgeberin der Zeitschrift „Golos zarubezhya“ wurde. Das dritte prägt die Rückkehr nach Russland, nach Sankt-Petersburg, in die Heimat. Das Schicksal der Autorin dieses Buches ist ein Spiegel des 20. Jahrhunderts, das der Menschheit sowohl ihre Ohnmacht wie auch ihre Lebenskraft aufzeigt.

                    Erstes Buch

                    Erster Teil

                    Die Familie

                    Vater

Neben Pskow und Petersburg, von denen noch die Rede sein wird, ist Smolensk mit meinen Kindheitserinnerungen verwoben, insbesondere seine wunderschöne Kathedrale. Wenn ich im Traum nach Russland gereist bin, ging meine Reise gewöhnlich in mein geliebtes Petersburg. Aber manchmal auch nach Smolensk, zur Tante, einer von insgesamt vier.

Die Familie, aus der mein Vater stammte, war groß: vier Brüder und vier Schwestern. Mein Großvater war ein kleiner Angestellter. Alle vier Brüder haben die Petersburger Universität in Mathematik abgeschlossen und eine der Schwestern schloss die höheren Frauenkurse ab, ebenfalls in der Fachrichtung Mathematik.

Geografisch näher an Smolensk, wo die Familie lebte, lag Moskau. Weshalb der ältere Bruder, Michail Wasiljewitsch, der 12 Jahre älter als mein Vater war, nach Petersburg ging, weiß ich nicht. Ihm folgte seine zwei Jahre jüngere Schwester Maria Wasiljewna.

Das Studium zu finanzieren fiel ihnen nicht leicht, aber es war möglich. Beide verdienten sich durch Privatunterricht etwas dazu. Die jüngeren Brüder folgten ihnen der Tradition wegen und weil sie mit der Unterstützung ihres älteren Bruders rechnen konnten. Mein Vater war der zweite Sohn. Zwischen seinem älteren Bruder und ihm selbst wurden noch vier Mädchen geboren.

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Michail Wasiljewitsch Pirozhkov betrat mit seiner eigenen Verlegertätigkeit den russischen Literaturboden. Der Verlag, der von ihm gegründet wurde, war nicht groß, aber überaus anspruchsvoll: er verlegte lediglich höhere Literatur, besaß die Lizenz für die erste vollständige Gesamtausgabe von Mereschkowski und anderen Schriftstellern. Er verlegte auch das Journal „Poljarnaja Svezda“ von P. Struve und S. Frank.

S. Frank erinnert in seiner Biografie über P. Struve daran. Eine derartige Auffassung von der Verlagstätigkeit vermochte nicht, Kapital anzuziehen und der Verlag meines Onkels ging schließlich pleite. Er arbeitete erneut als Mathematiklehrer.

Daneben übersetzte er aus dem Französischen. Ich kann mich jetzt nicht mehr daran erinnern, in welcher sowjetischen Ausgabe ich die Verspottung des russischen Intellektuellen gelesen habe, in dessen Bücherregal ganz gewiss ein „Bändchen Bertrans in der Übersetzung Pirozhkovs“ zu finden ist, aber mein Onkel hat in der Tat als Erster Bertran in die russische Sprache übertragen.

Die Pleite seines Verlages rettete ihm sein Leben während der Revolution. In den 30-ger Jahren hätten sie sich ihn geschnappt, aber er starb 1929 mit 62 Jahren. Mein Vater hat viel von ihm erzählt, aber ich kann mich nicht an ihn erinnern, obgleich ich ihn sicherlich als kleines Kind gesehen habe.

Die Mathematik wurde zu einer Familientradition. Mein Vater war seiner Berufung nach Mathematiker. Er lebte während seiner Studienzeit in der Wohnung des älteren Bruders, unterstütze ihn bei seiner verlegerischen Tätigkeit und beendete, unter anderem, glanzvoll die Universität. Aber der zweite Bruder, Aleksej Wasiljewitsch, ein zart besaiteter und ergebener Mensch, wurde zum Opfer der familiären Tradition. Ihn zog es zu Kunst und Literatur. Er war ein ausgezeichneter Amateur-Pianist und hätte ohne Zweifel im Konservatorium auftreten können. Und wenn zur Universität, dann die slavistische Fakultät.

Aber da er sich entschlossen hatte, nicht die Tradition zu brechen, die nicht vom Vater, sondern vom Bruder gonnen worden war, schrieb er sich in die mathematischen Fakultät ein und kam, beschäftigt mit der verlegerischen Arbeit des Bruders, in seinen Studien überhaupt nicht voran. 

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Der jüngere Bruder, Wladimir Wasiljewitsch, um einiges resoluter, zog in eben selbiges Petersburg, in eben selbige Wohnung Michail Wasiljewitschs und besuchte eben selbige mathematische Fakultät. Nachdem er sich alles angeschaut und begriffen hatte, dass der ältere Bruder Aleksej viel zu sehr mit verlegerischer Arbeit erdrückte und Mathematik ihm sowieso sehr schwer fiel, nahm er sich einfach eine eigene Wohnung, fuhr nach Hause und sagte zu Aleksej: „Pack‘ Deine Sachen, wir ziehen um“. Jener sammelte demütig seine Sachen zusammen und mit sicherlich nur viel Glück sowie einem enormen Arbeitsaufwand beendete er die Universität.

Zu sowjetischen Zeiten unterrichtete Aleksej Wasiljewitsch Mathematik an irgendeinem Technikum. Beide Brüder und die ältere Schwester kehrten nach Smolensk zurück. Die übrigen Schwestern sind gar nicht erst weggegangen. Zu sowjetischen Zeiten hatten sie winzig kleine Wohnungen in nicht besonders großen Häuschen, die aneinander stießen und deren Außenfenster alle zu ein und demselben Hof gingen. Es entstand ein richtiges „Nest“, das meine Verwandten vor Unannehmlichkeiten mit fremden Nachbarn verschonte. Ungeachtet der Tatsache, dass er den jüngeren Bruder, einen Mathematiker, bei der Hand hatte, schrieb Aleksej Wasiljewitsch regelmäßig lange mathematische Briefe an meinen Vater, da er oft nicht mit den Aufgaben, die er seinen Schülern geben musste, zurechtkam. Mein Vater löste diese geduldig und schickte seinem Bruder Erläuterungen.

In der Familie meines Vaters, im Kreise seiner Brüder und Schwestern, herrschte die typische Atmosphäre russischer Petersburger Intellektueller. Ob sie diese Eigenart von ihrer
Familie erbten – meine Großmutter und mein Großvater väterlicherseits sind gestorben, 

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vor ich geboren wurde, oder während ihrer Petersburger Studentenjahre, vermag ich nicht zu sagen. Unbeholfenheit in Bezug auf irdische Dinge, eine hohe Moral, eine beinahe eiserne Humanität, intellektuelle Integrität sowie Zivilcourage schufen nur beschränkt die Voraussetzungen für ein Leben unter sowjetischen Bedingungen. Und dass sie verschont geblieben sind, dann nur dank ihres äußerst Ideologie freien und abstrakten Spezialfaches – der Mathematik; die sowjetischen Propagandisten wussten nicht, wie man die kommunistische und atheistische Propaganda in den Mathematikunterricht einbinden konnte. Und die Fachkräfte aus der Zarenzeit wurden noch benötigt. Man konnte nicht alle hinauswerfen.

Intellektuelle Integrität und Zivilcourage waren äußerst ausgeprägte Wesensarten meines Vaters. Eine Szene aus meiner Kindheit habe ich bis heute vor Augen. Ich war zu der Zeit sechs Jahre alt. Wie es dazu kam, dass ich mich in der Wohnung aufhielt, erinnere ich mich nicht mehr. Aber sehr gut erinnere ich mich an den hochgewachsenen Burschen, der mit Drohungen zu meinem Vater gekommen war. Er war ein Vydvizhenez. Als Vydvizhenzy wurden in den Zwanziger Jahren frühere Partisanen, aktive Kommunisten und Komsomolzen bezeichnet, die von der Führung als Dank für politische Verdienste an verschiedene Bildungseinrichtungen, vor allem an Ingenieursfachhochschulen, geschickt wurden. Auf diese Weise wollte man ein neues Heer ergebener Fachkräfte hervorbringen. Einige von diesen waren begabt und in der Lage zu unterrichten. Viele verstanden jedoch mehr von Gewehren, Säbeln oder primitiven propagandistischen Phrasen, während sie außer Stande waren, „die Nase in Bücher zu stecken“. Dennoch fürchteten Pädagogen, die sich mehrheitlich aus der alten Intelligenzia zusammensetzten, diese sehr und verhalfen ihnen oftmals zu befriedigenden Noten, obgleich die Vydvizhenzy von nichts eine Ahnung hatten. Untereinander erzählten sich die Pädagogen die kuriosesten Geschichten über Prüfungsantworten der Vydvizhen.

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Ein Kollege meines Vaters, ein Lehrer der russischen Sprache und Literatur, zeigte einmal einen Aufsatz eines solchen Vydvizhenez zum Thema „Historische Persönlichkeiten in der Poema Pushkins „Poltawa“. Dieser begann folgendermaßen: „In der Poema Pushkins kommen zwei historische Persönlichkeiten vor – die Persönlichkeit des Peters und die Persönlichkeit des Mazeppa. Es gab noch eine weitere historische Persönlichkeit – die Persönlichkeit des Königs Karl. Sie lebte in Schweden“. Der Verfasser behauptete, dass „Peter anordnete, Anathema aus Moskau nach Poltawa zu bringen und diese dort statt Mazeppas ertönte“ und beendete sein Aufsatz „So wurde zu Ehren Peters ein Denkmal aufgestellt, während Mazeppa begraben wurde.“ Ich vermag leider nicht zu sagen, welche Note der Student für diesen Aufsatz bekommen hat.

Mein Vater weigerte sich beharrlich, befriedigende Mathematiknoten zu geben, wenn nicht wenigstens ein Minimum an Kenntnissen vorhanden war, unabhängig davon, welchen Studenten er vor sich hatte, Vydvizhenez oder nicht.

Und jetzt kam einer dieser Vydvizhenez, der von meinem Vater systematisch unbefriedigende Noten bekam, in unsere Wohnung. Vater lud ihn ein sich zu setzen und fragte, weshalb er gekommen sei. Der Bursche gab folgende Erklärung: „Wenn Sie mir keine befriedigende Note geben, werde ich melden, dass Sie der Kommandeur eines Panzerzugs der Weißen während des Bürgerkriegs gewesen sind“. Die Lügenmär des Jungen war so plump, wie er selbst. Mein Vater war ein zutiefst unmilitärischer Mensch und hat nie irgendeine Waffe in der Hand gehalten. Als er zum ersten Mal bei der Einberufungsstelle erschien, zog er einen Nichteinberufungsbescheid hervor, und im Ersten Weltkrieg wurde er, da er Lehrer war, nicht zum Kriegsdienst einberufen. In Russland haben sich die schulischen Rahmenbedingungen so turbulent entwickelt, dass es an Lehrern aller Schulformen und Gymnasialstufen fehlte und diese sogar während des Krieges nicht eingezogen wurden. 

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Und wenngleich die Sympathien meines Vaters auf der Seite der Weißen waren, hat er selbst nicht zur Waffe gegriffen. Diese Drohung allerdings war nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, auch wenn die furchtbaren 30-er Jahre noch nicht ihren Lauf genommen hatten. Außerdem wurde mein Vater 1924 verhaftet, darüber werde ich jedoch später berichten.  Verhaftet wurde er ausgerechnet aufgrund einer verleumderischen Denunziation.

Mein Vater hörte sich die Drohworte bis zu ihrem Ende an, stand auf, öffnete die Tür und sagte lediglich ein Wort: „Raus!“. Ich erinnere mich, wie dieser kräftige Kerl zusammenzuckte, regelrecht winzig wurde und wie ein getretener Hund, den „Schwanz zwischen den Beinen“, aus dem Raum hinausglitt.

Meinem Vater ist nichts passiert. Ich konnte später mehr als einmal beobachten, dass das Fehlen von Angst in totalitären Regimen einen Menschen zu retten vermochte. Die Repräsentanten dieser Regime bzw. ihre Handlanger denken folgendermaßen: Er gibt nicht klein bei, das heißt, er hat irgendwo oben „Rückendeckung“. Und sie räumen das Feld, um „sich nicht einlassen“ zu müssen. Aber derjenige, der ihn kennt…

In der Kindheit war mein Lieblingsmärchen eine kurze Erzählung über einen „verrückten Hasen“. Ein Hase rief eine Hasensammlung zusammen, kletterte auf einen Baumstumpf und hielt eine Rede darüber, dass es nicht nötig sei, die Wölfe zu fürchten, es sei an der Zeit, den Angsthasen aufzugeben. Diese Rede hörte ein Wolf und beschloss: „Auch diesen Redner werde ich fressen!“ Hingerissen von seiner Rede bemerkte der Hase den Wolf nicht und war verblüfft, als seine Zuhörer plötzlich auseinanderstoben. Er blickte sich um, sah den Wolf vor sich und … sprang den Wolf an! Was sollte er auch sonst tun? Und der Wolf … lief davon. Zu seiner Rechtfertigung sagte der Wolf sich später: „Wenn es auch wenig Hasen imWald gibt, aber dieser ist verrückt“. So kommen „verrückte Hasen“ manchmal auch davon. Über die Standhaftigkeit meines Vaters werde ich noch berichten. Sein Beispiel hat meinen Charakter mehr geschliffen, als dies lange Erörterungen hätten können.

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                    Mutter

Meine Mutter war die Tochter eines Eisenbahnangestellten und verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Polen, wo ihr Vater erst als Aushilfskraft und später als Vorsteher verschiedener Bahnstationen arbeitete. Die Voruteilslosigkeit der Familie ist daran ablesbar, dass zum Freundeskreis der Familie sowohl Polen, Juden, Ukrainer gehörten, und wenn sich in der Nähe keine orthodoxe Kirche befand, gingen sie in den griechisch-katholischen Gottesdienst.

Als die älteren Kinder größer wurden, bat mein Großvater um eine Versetzung in eine Stadt, in der sich ein Gymnasium befand. Er wurde nach Dwinsk versetzt. Meine Mutter war das älteste Kind in der Familie; für sie und ihren Bruder, der zwei Jahre jünger war als sie, stellte der Vater eine Gouvernante ein, die die beiden auf die Aufnahmeprüfung für die gymnasiale Oberprima vorbereitete. Meine Mutter bestand die Prüfungen und wurde sofort für die 5. Klasse des Dwinsker Frauengymnasiums angenommen. Ein Jahr später wurde mein Großvater nach Pskow versetzt, das damals einen bedeutenden Verkehrsknotenpunkt darstellte. Mama beendete das Pskower Gymnasium und bereits im letzten Schuljahr, in der achten Klasse verlobte sie sich. Sie heiratete einen jungen Petersburger Beamten der Eisenbahnverwaltungsbehörde, der wegen einer Inspektion nach Pskow gekommen war und sich in meine Mutter verliebt hatte.

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Mit diesem ging sie nach Petersburg. Als der russisch-japanische Krieg begann, wurde ihr Mann, ein Reserveoffizier, zur Armee einberufen und fiel während des Krieges. Meine Mutter wurde mit 24 Jahren und fünf Kindern Witwe. Für ihren Mann erhielt sie nur eine kleine Witwenrente, da dieser noch sehr jung war, als er fiel, so dass meine Mutter mit den Kindern zurück nach Pskow ging, wo das Leben günstiger war. Sie wurden von den Eltern ihres verstorbenen Mannes, Adligen, die ein kleines Vermögen hatten, unterstützt.

Gleichwohl gestaltete sich der Alltag bescheiden – zumindest nach deren Auffassung! Meine Mutter hatte nicht nur eine Dienerin, sondern auch eine Gouvernante für die Kinder. Meine Mutter, die ihr 81. Lebensjahr erlebten durfte, befürchtete immer aus irgendeinem Grund früh zu sterben und die Kinder als Vollwaisen zurückzulassen. Deshalb bediente sie sich der Privilegien, die den Kindern eines Offiziers, der im Krieg gefallen war, zustanden. Beide Töchter brachte sie kostenfrei am Petersburger Nikolajewski Institut unter. Dieses Institut bildete nicht nur aus, sondern kümmerte sich auch um junge Mädchen nach deren Abschluss, sollten diese Vollwaisen geworden sein. Diejenigen, die verlobt waren, bekamen eine Mitgift, die übrigen wurden als Gouvernanten oder Hauslehrerinnen untergebracht. Der ältesten meiner Schwestern hat die Trennung von der Familie und die Erziehung in einem Internat nichts ausgemacht, aber die jüngere Tochter wurde mit 6 Jahren in ein Internat gegeben, obgleich sie zur Melancholie neigte und außergewöhnlich stark an der Familie hing.

Bei ihr hat diese brachiale, frühe Trennung von der Familie tiefe Spuren hinterlassen. Mein Vater, der seine Stiefsöhne und Stieftöchter besonders liebte, sagte oftmals, dass er dies nie zugelassen hätte, wenn er bereits der Ehemann meiner Mutter gewesen wäre. Aber ich würde meiner Muttter nie und nimmer Vorwürfe machen. Sie handelte nicht aus Gleichgültigkeit so, sondern aus Sorge um die Kinder, weil sie diese im Falle des eigenen Todes versorgt wissen wollte. 

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Den drittjüngsten der drei Söhnen gab sie, indem sie analoge Privilegien ausnutzte, in eine Kadettenschule. Aber diese war in Pskow, so dass der Junge jeden Sonntag mit der Familie verbringen konnte. Nur der älteste Sohn, Aleksej, wohnte zu Hause und ging zur Pskower Realschule, an der mein Vater Mathematik unterrichtete. Der jüngere Sohn, Georgij, starb an Scharlach, als er sechs Jahre alt war. Dessen Tod erschütterte meine Mutter dermaßen stark, dass sie so oft sämtliche Umständen, die diesen begleiteten, beschrieb und mir schien, als hätte ich persönlich diese Tragödie eines Kindstots miterlebt. Als meine Mutter mit dem fünften Kind schwanger wurde, erschrak sie zunächst. Verständlicherweise war sie erschöpft, hatte einfach Angst vor einer erneuten Schwangerschaft und wollte sogar dieses Kind nicht. Aber danach liebte sie diesen ruhigen und sehr zärtlichen Jungen mehr als alle anderen Kinder. Sein plötzlicher Tod genau am Weihnachtsabend schlug auf sie ein wie ein unerträglich schrecklicher Schlag. Sie gab sich dafür die Schuld, da sie dieses Kind irgendwann mal nicht wollte, und betonte immer wieder, dass sie selbst nicht mehr leben wolle.Dies alles geschah zwei Jahre, bevor meine Mutter meinen Vater kennenlernte.

Mein Vater schloss 1903 die Universität in Petersburg ab. Seine erste Anstellung führte ihn ans Gymnasium in Kischinew. Als er dort ankam, ging er durch die Straßen: staubig, heiß. Bessarabien gefiel ihm nicht. Er setzte sich in den Zug, kehrte nach Petersburg zurück, ging ins Bildungsministerium und sagte, dass ihm Kischinew nicht gefalle. Damals waren die Zeiten noch derart liberal, dass sie den vierundzwanzigjährigen, gerade erst angehenden Lehrer nicht einmal rügten, sondern ihm eine Stelle am Frauengymnasium in Nowgorod anboten. (Stellung einfach)

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Am Nowgoroder Gymnasium war das Klima nicht besonders angenehm. Nicht alle Lehrer verschmähten die irdischen Güter im ausreichenden Maße, und die Töchter reicher Kaufmänner bekamen nicht selten Noten, die nicht ihrem Wissensstand entsprachen. Natürlich hat sich mein Vater sofort dagegen aufgelehnt. Ihm stand ein ebenso neuer wie junger Literaturlehrer zur Seite. Ihnen gelang es, das Klima an diesem Gymnasiums bedeutend zu verbessern, offenbar war mein Vater zu der Zeit noch viel zu jung, unbeherrscht, obgleich ihm zu jener Zeit nicht ein Hauch dessen drohte, was zu sowjetischen Zeiten für Standhaftigkeit zu erwarten war.

Jedenfalls bat er nach zwei Jahren erneut um eine Versetzung, und er wurde abermals ohne überflüssige Diskussionen an die Pskower Realschule versetzt. In Pskow gefiel es ihm, und er verbesserte sukzessiv das Niveaus des Mathematikunterrichts der Schule, dass in Petersburg, in den Fakultäten, in denen die Bewerber eine Aufnahmeprüfung absolvieren mussten, die Prüfer den Prüflingen sagten: „Von der Realschule in Pskow? In Mathematik bestanden, die Prüfung wird reine Formsache“.

Meinem Vater sollte beschieden sein, sich mit Literaturlehrern anzufreunden. Auch in Pskow war er einem Slavisten aus dem Kollegium besonders nahe, der ihn mit meiner Mutter bekannt machte.

Meine Eltern ließen sich 1912 trauen. Sie waren gleichen Jahrgangs, und mein Vater nahm vier Kinder an: Aleksej, Tatjana, Ilja und Elena. Diese begannen sofort, ihn Papa zu nennen (an ihren leiblichen Vater konnten sie sich auch nicht erinnern, lediglich schemenhaft die älteren Kinder, aber sie waren eben sehr jung, als er in den Krieg zog und fiel), liebten meinen Vater, und er sah sie immer als die seinen an.

Die Hochzeitsreise verbrachten meine Eltern auf der Wolga auf einem Dampfschiff. Und im darauf folgenden Jahr konnte mein Vater meine Mutter auf die Krim entführen. Er liebte es sehr, zu verreisen. 

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Vor der Heirat konnte er Deutschland, die Schweiz und Frankreich bereisen. Er erzählte oft, wie ihn in Paris ein Pfarrer fragte: „Was ist schneller, ein Pferd oder ein Bär?“ Mein Vater antwortete: „Kann ich nicht sagen. Ich bin kein Jäger und für solche Fragen habe ich mich nie interessiert“. Dem Pfarrer weiteten sich die Augen: „Ist das so? Aber bei euch in Russland spannt man doch Bären an die Wagen und fährt auf diesen!“ Dies ist kein „Seemannsgarn“.

Mein Vater hatte tatsächlich ein solches Gespräch. Darüber hinaus machte mein Vater eine außergewöhnliche Reise in das Altaigebirge, wo er zusammen mit einem Bergführer den Gebirgssattel erklomm und den Baikal erblickte.

Er hat oft bedauert, dass er das Angebot, während einer Ausbildungsfahrt für Marinekadetten, die über viele Haltestationen von Petersburg um das Kap der Guten Hoffnung bis nach Japan gehen sollte, Mathematik zu unterrichten, ausgeschlagen hatte. Aber um dieses annehmen zu können, hätte er zum Ende des einen Schuljahres und zu Beginn des folgenden um einen Ersatz für sich bitten müssen. Natürlich hätte man das arrangieren können, und es sollte nochmals erwähnt werden, dass diese Zeiten liberal waren. Aber mein Vater hatte gerade erst begonnen, in Pskow zu unterrichten und empfand es als unangenehm, sofort um eine Gefälligkeit zu bitten, zumal er dachte, dass sich eine ähnliche Gelegenheit nicht nur einmal bieten würde. Aber später sollten sich überhaupt keine Gelegenheiten mehr bieten. Eine Zeit lang unterrichtete mein Vater nebenberuflich in der Kadettenschule, so dass beide Stiefsöhne zu seinen Schülern gehörten: der ältere in der Realschule und der zweite in der Kadettenschule.

Der Krieg brachte keine besonderen Auswirkungen auf die Familie. Wie bereits erwähnt, wurde mein Vater nicht in die Armee eingezogen, die Söhne waren minderjährig und durften noch nicht eingezogen werden. Nahrungsmittelengpässe gab es in Pskow nicht. Die alter tümliche Kleinstadt mit 40 Tausend Einwohnern war von Dörfern umgeben und versank in einer Vielzahl von Gärten. 

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Niemals in meinem Leben und nirgendwo sonst erblickte ich einen solchen Reichtum an Äpfeln, wie in Pskow während meiner Kindheit, bevor die Gärten zerstört wurden. Diese starben vor Deinen Augen, aber in den Jahren meiner Kindheit existierten sie noch. Von chinesischen Äpfeln bis Paradiesäpfeln (erstere länglich, letztere rund), von winzig kleinen Äpfelchen, aus denen Konfitüre gemacht wurde, bis hin zu riesigen Aportäpfeln und den etwas weniger großen, sehr verbreiteten Antonowkaäpfeln, von den frühreifen, gelben und säuerlichen, weißen Klaräpfeln bis zu rotbäckigen und süßen Himbeeräpfeln … welche Äpfel gab es nicht! Auch Beerenfrüchte gab es reichlich: Walderdbeeren, Gartenerdbeeren, Himbeeren, schwarze Johannisbeeren, auch Kirschen wuchsen, nur für Kirschbäume war es viel zu kalt, wie auch für gute Birnen; Birnen gab es, aber sie waren hart und schmeckten nicht. Vor der Revolution gab es, natürlich, eine Vielzahl importierter Obstsorten.

Das Unheil kam mit der Revolution. Der Kollege meines Vaters, der Literaturlehrer, von dem ich bereits berichtete, flüchtete rechtzeitig. Er sagte zu meinen Eltern: „Ihr wisst nicht, was uns bevorsteht“. Mein Vater hat sich oft an seine Worte erinnert. Meine Eltern haben leichtgläubig auf den Sieg der Weißen Armee gehofft und arrangierten nichts für eine Flucht im Falle eines schrecklichen Ausgangs. Mein Bruder, der Kadett, Iljuscha, war 15 Jahre, als der Bürgerkrieg begann. Meine Eltern wollten ihn wegen seines jungen Alters nicht zur Armee lassen, er ging jedoch heimlich. Die Ehre eines zukünftigen Offiziers verbat es ihm, dem Kampf fernzubleiben. Er schloss sich der Armee Judenitschs an. Wie viele dieser Jungen haben selbstlos ihr Leben im Kampf gegen den sich über Russland zusammenziehenden Schrecken gegeben, während gestandene Offiziere sich zu Hause zurücklehnten oder das für den Widerstand gesammelte Geld verzechten. Der Zerfall war weitreichend. Aber die Weiße Armee tat, was sie konnte, und es ist gut, dass unter der Jugend im Land jetzt ein anderes, positives Bild von ihr heranwächst.

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Meine Mutter hat mir oft davon erzählt, wie ihnen das Herz zusammengezogen war, als in Pskow die lang gezogene Sirene ertönte, nachdem Judenitsch versprochen hatte, die Pskower im Falle des Abmarsches seiner Armee zu informieren. Meine Eltern hofften bis zum
letzten Augenblick, dass sich die Weiße Armee behaupten würde…

Sie vermochten selber nicht zu erklären, weshalb sie nicht flohen. Sie waren einfach verunsichert. Insgesamt 15 Tausend der 40 Tausend der damaligen Bevölkerung flohen. Meine Eltern hatten jedoch nichts arrangiert und bei alldem noch drei minderjährige Kinder. Also blieben sie, und mein Vater beschloss, die sich zurückziehende Armee Judenitschs abzusuchen, um zu versuchen, Iljuscha ausfindig zu machen: meine Eltern hofften, dass sich vielleicht niemand, gelänge es ihnen, den Jungen in Zivilkleidung verkleidet nach Hause zu bringen, an seine Partizipation in der Weißen Armee erinnern.

Iljuscha wurde von meinem Vater nicht gefunden. Die Armee zog sich unabwendbar zurück. Als diese sich der Grenze näherte, wurde meinem Vater bewusst, dass er vor einer Wahl stand: sollte er allein über die Grenze flüchten – und dann für immer – oder versuchen, zur Familie zurückzukehren. Ob Iljuscha überhaupt noch lebte oder in einem der letzten Gefechte gefallen war, wusste er nicht, und zu Hause bliebe Mama mit drei Kindern zurück. Er beschloss zu bleiben. In Gdow wartete er die Einnahme der Stadt durch die Roten ab. Aber die Rückkehr nach Pskow erwies sich als undenkbar. Überall waren Absperrungen, man ließ nur diejenigen passieren, die einen Passierschein von der neuen Führungsspitze besaßen. Mein Vater beschloss, in die Höhle des Löwen zu gehen und ging zum Kommissar.

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Dieser fragte ihn, wozu er nach Pskow müsse. Mein Vater antwortete, dass er dort lebe. „Und wie sind Sie dann nach Gdow geraten?“ – „Ich floh vor der Weißen Armee“, antwortete mein Vater, „habe es mir dann aber anders überlegt und bin geblieben“. Der Kommissar starrte ihn schweigend steinernen Blickes an, dann sagte er: „Haben Sie gut gemacht“. Auch die Roten waren vom massenhaften Exodus der Einwohner von Pskow beeindruckt. „Kommen Sie in ein paar Tagen wieder“. Aber mein Vater umklammerte hartnäckig die Kante des Tisches und sagte: „Ich werde diesen Raum nicht verlassen, bis Sie mir einen Passierschein gegeben haben“. Der Kommissar sah ihn erneut kurz unverwandten Blickes an, nahm darauf schweigend ein Blatt Papier und schrieb ihm einen Passierschein aus.

Mein Vater machte sich zu Fuß auf den Weg, übernachtete bei Bauern und machte sich tiefe Gedanken. Obgleich er von Beginn an die Bolschewiki entschieden ablehnte, wurde auch ihm nur nach und nach bewusst, welch ein Schrecken sich hinter diesen verbarg. Er begriff immer besser, in was für einen Abgrund Russland glitt, und fragte sich, ob er der Familie mit seiner Rückkehr nutzte oder schadete. Zweifel darüber, ob er die Familie nicht der Verfolgung preisgab, sollte man ihn verhafteten, weil er versucht hatte, mit der Weißen Armee zu fliehen, quälten ihn immer mehr. Und dann hatte er während einer seiner nächtlichen Ruhepausen einen Traum: er stand auf einer kleinen grünen Wiese, über ihm die blaue Himmelskuppel. Plötzlich schwebte eine weiße Papierrolle vom Himmel herab, die allmählich begann, sich zu drehen. Auf ihr stand in goldenen Buchstaben: „Geh. Ich segne dich“. Das Fortgehen meines Vaters mit der Weißen Armee sowie seine Rückkehr zur Familie wurden nie wieder erwähnt. Als wäre aus der Ereigniskette ein Glied herausgerissen worden.

Mein Vater wurde 1924 aufgrund einer Verleumdung verhaftet, er solle Sozialrevolutionär gewesen sein. Er gehörte zu keinem Zeitpunkt irgendeiner Partei an, und Sozialrevolutionäre sowie andere Sozialisten wurden keineswegs in irgendeiner Weise seiner Sympathien zuteil,

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aber in den Monaten zwischen Februar und Oktober 1917 besuchte er manchmal die öffentlichen Versammlungen verschiedener Parteien, um sich anzuhören, was sie zu sagen hatten. Irgendjemand sah ihn wahrscheinlich auf einer Versammlung der Sozialrevolutionäre. Und damals tauchten Ermittlungsbeamte auf, die die Wahrheit ans Licht bringen wollten. Der Ermittlungsbeamte erkannte, dass sich die Angehörigkeit meines Vaters zur Partei der Sozialrevolutionäre nicht bestätigen konnte. Hierbei war ein Moment besonders heikel. Während der Monate, in denen die Gefahr einer Machtübernahme durch die Bolschewiki immer größer wurde, tauchte irgendeine „Union zur Erlösung Russlands vor den Bolschewiki“ auf, die leider Gottes Russland jedoch nicht erlöste. Aber mein Vater hat sich zu jener Zeit dieser angeschlossen. Bei der Hausdurchsuchung wurden viele Schriftstücke konfisziert, unter anderem ein von ihm vergessenes Flugblatt eben jener Union. Als der Untersuchungsbeamte dieses hervorzog, erstarrte mein Vater. Zu seinem Glück stand dort lediglich „Union zur Erlösung Russlands“, und nicht von wem. „Was ist das für eine Union zur Erlösung Russlands“, runzelte der Ermittlungsbeamte die Stirn. Allerdings hatte er selbst eine Erklärung zur Hand: „Ah, wahrscheinlich vor Kornilow!“ Mein Vater, der jegliche Lüge dermaßen verabscheute, sagte dieses Mal: „Ja“. Er wurde nach einigen Wochen Haft wieder entlassen.

Mein älterer Bruder ging nach Petrograd und schrieb sich am Institut für Infrastrukturingenieure ein. Das Leben dort war beschwerlich und geprägt von Hunger. Mein Vater konnte ihn nicht unterstützen. Um die Familie zu ernähren, gab er nebenbei bis 12 Uhr nachts Privatunterricht in Mathematik und schlief manchmal vor Müdigkeit während der Unterrichtsstunde ein. Für eine Unterrichtsstunde bezahlte man ein halbes Pfundbrot. Kurz vor meiner Geburt fuhr mein Vater nach Petrograd und erfuhr dort etwas Bestürzendes: Iljuscha war nicht auf der Walstatt gefallen…

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Er ging ins Baltikum und kämpfte sich irgendwie zu einem bekannten Letten durch. Diese Familie lebte bis zur Revolution in Pskow, die Söhne gingen auf die Realschule, waren Schüler meines Vaters und Freunde meines älteren Bruders, sie kannten auch den jüngeren, da sie oft im Haus meiner Eltern verkehrten. Als die Revolution ausbrach, kehrten sie nach Lettland zurück, wo sie ein Gut sowie ein kleines Vermögen hatten. Sie nahmen Iljuscha auf, ließen ihn aber während des Winters auf dem Gut, während sie selbst nach Riga reisten.

Iljuscha war an Paratyphus erkrankt, und hatte darauf, wie es häufig der Fall war, Dysphorie. An seinem 17. Geburtstag hat er sich erschossen. Vater und Sohn vereinbarten, vorerst nicht meiner Mutter davon zu erzählen, damit der Schock weder sie noch das Kind umbringen würde (Mama erwartete mich zu diesem Zeitpunkt). Mama erzählte, sie habe sofort das bestürzte Gesicht meines Vaters gesehen, so dass sie sich bei ihm erkundigte, was passiert sei, aber er antwortete lediglich, dass Petrograd betrüblich, dreckig und trostlos geworden sei.

1944, während unserer Fluch über Riga in den Westen, kreuzte sich unser Weg mit zwei der drei Brüder aus dieser lettischen Familie. Der Ältere, Werner, ist von den Bolschewiki verhaftet und verschleppt worden. Die Verbliebenen versuchten, uns zu helfen, womit sie konnten, vor allem ihre Ehefrauen, die die tragische Geschichte Iljuschas von ihren Ehemännern erfahren hatten, jedoch selbst dieser nicht teilhaftig gewesen waren. Zu diesem Zeitpunkt waren sie noch minderjährig und kannten ihre zukünftigen Ehemännern noch nicht einmal. Meine Eltern machten ihnen, natürlich, keinen Vorwurf. Wie sollte man auch wissen, wo welche Schuld lag? Und trugen nicht auch meine Eltern eine Mitschuld, da sie nicht vermochten, den Sohn so gläubig zu erziehen, dass ein Selbstmord für ihn ausgeschlossen gewesen wäre?

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Was wäre wohl aus Iljuscha geworden, wenn er am Leben geblieben wäre? Zuallererst, natürlich, hätte er sich durchgeboxt. Im Baltikum lebten viele russische Emigranten, mehr oder weniger gut, aber er wäre zurechtgekommen. Was wäre allerdings 1940-41 mit ihm geschehen? Hätte er rechtzeitig vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Lettland flüchten können?

Die Deutschen, die die Baltendeutsche aus dem Baltikum hinausschafften, nahmen oftmals auch Russen mit, ohne einen Nachweis für irgendeine erfundene Großmutter zu fordern. Jedoch blieben auch viele Russen und … kamen um. Die Verhafteten wurden während der schrecklichen Hitze 1941 in Güterwagons durch Pskow gefahren. Noch in Riga erzählte mir eine junge Estnin aus Pskow, ebenfalls ein Flüchtling, wie sie einmal die Gleise überquerte, um Milch zu holen (hinter den Bahnhof standen bereits halbländliche Häuschen, und viele hielten Kühe), als plötzlich aus einem der stehenden Güterwaggons, denen sie zuerst keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, ein Stöhnen zu hören war, und in estnischer Sprache: „Wasser, um Gottes Willen, Wasser“. Sie lief mit der leeren Milchkanne zum Wasserhahn, füllte sie mit Wasser, ging zum Wagon und wollte durch das hohe, blinde Fensterchen Wasser reichen. Aber in diesem Augenblick tauchte ein NKWD-Mitarbeiter neben ihr wie aus dem Boden geschossen auf und knurrte: „Was machen Sie da? Wollen Sie selbst da rein?“ Ihr fiel die Milchkanne aus den Händen. So blieben auch die unglückseligen Menschen ohne einen Tropfen Wasser in der heißen Sonne. Der Massentransport von Verhafteten aus dem Baltikum begann am 14. Juni 1941, weshalb viele, zu deren Glück, nicht vor Beginn des Krieges abtransportiert werden konnten. Aber wäre es Iljuscha gelungen, am Leben zu bleiben, hätte er 25 Jahre später seine Mutter, seinen Stiefvater, den er geliebt hatte und der ihn sehr geliebt hatte, und eine neue Schwester getroffen. Aber hätte er überhaupt überlebt? Es ist sinnlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Es bleibt lediglich sein Grab zu besuchen, in welches eben jene bekannten Letten ihn gelegt hatten.

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